Wie werden Zertifikate gehandelt?

Mit der Auflage eines Zertifikats ist die Dienstleistung des Emittenten längst nicht beendet. Während der gesamten Laufzeit des Papiers muss ständig der aktuelle Wert berechnet und dem Anleger fortlaufend in Form von Kauf- und Verkaufkursen offeriert werden.

Wer im Umgang mit Zertifikaten noch unerfahren ist, fragt sich mitunter, wie der Preis dieser Papiere eigentlich nach der Emission zustande kommt. Von der Aktienanlage ist man schließlich gewohnt, dass sich die Kurse durch Angebot und Nachfrage bilden. Doch das ist bei Zertifikaten grundlegend anders.

Hier liegt es im Aufgabenbereich des Emittenten, ständig den aktuellen Wert eines jeden ausgegebenen Zertifikats zu berechnen. Schließlich steckt hinter der Funktionsweise der meisten Strukturen eine ganze Menge an Mathematik. Und zudem wäre es bei aktuell gut einer Million an ausstehenden verbrieften Derivaten (Anlagezertifikate und Hebelprodukte, Stand September 2013) recht vermessen anzunehmen, dass sich bei jedem Titel überhaupt ein ausreichendes Maß an Angebot und Nachfrage bilden könnte, um einen reibungslosen Handel zu gewährleisten.

Der Emittent schließt daher diese Lücke. Er weiß jederzeit genau, welchen Wert seine Zertifikate haben. Und er ist es, der den liquiden Handel zu fairen Preisen ermöglichen muss. Dazu wird immer ein Geld- und ein Briefkurs ermittelt und als handelbarer Preis zur Verfügung gestellt. Die Bank ”macht also den Markt” und wird daher auch als ”Market Maker” bezeichnet. Der Geldkurs ist dabei etwas niedriger als der Briefkurs. Er gilt als Preis, zu dem der Emittent seine ausgegebenen Zertifikate sofort zurückkauft. Zum etwas höheren Briefkurs kann der Anleger dagegen die Zertifikate vom Emittenten erwerben. Den Abstand zwischen den beiden Preisen bezeichnet man als Geld-Brief-Spread oder als Geld-Brief-Spanne.

Das Wissen um dieses ständige Angebot von Geld- und Briefkursen durch den Emittenten ist äußerst wichtig, damit Sie sich bitte vor einem weit verbreiteten Irrglauben bewahren. Sogar mancher Bankberater, der sich mit Zertifikaten noch nicht ausreichend beschäftigt hat, weist nämlich mitunter seine Kunden auf eine mangelnde Handelbarkeit hin, weil an der Börse kaum Umsätze zu beobachten seien. Das ist jedoch schlichtweg falsch. Da der Emittent fortlaufend Geld- und Briefkurse stellt, kann jedes Zertifikat sofort gekauft oder veräußert werden, selbst wenn seit Stunden oder Tagen kein Börsenumsatz mehr aufgetreten ist.

Wenn Sie Ihre Order nämlich an die Börse leiten, überprüft der zuständige Makler erst einmal in Sekundenschnelle, ob gerade die passende Gegenorder eines oder mehrerer anderer Anleger vorliegt. Ist dies nicht der Fall, greift der Makler sofort auf den Geld- bzw. Briefkurs des Emittenten zurück und führt Ihre Order gegen die Bank aus.

Neben dem Börsenhandel gibt es zudem noch den außerbörslichen Handel mit Zertifikaten. Diesen kann Ihre Depotbank auf Ihre Weisung direkt per Telefon mit dem Emittenten durchführen. Sehr viel interessanter ist aber der außerbörsliche Handel, den viele Online-Banken auf Internetbasis anbieten. Dabei wird man als Anleger über die Orderplattform des Brokers direkt mit dem Emittenten verbunden. Nun stellt man zum betreffenden Zertifikat eine Preisanfrage unter Angabe der zu handelnden Stückzahl. Die Bank antwortet darauf mit einem handelbaren Kurs, den man per Mausklick akzeptiert oder eben ablehnt, wenn man es sich doch gerade anders überlegt hat. Der gewisse Reiz hierbei: Man weiß im Vorhinein, zu welchem Kurs die Order tatsächlich abgewickelt werden kann. Außerdem geht der Vorgang noch etwas schneller als der Börsenhandel. Doch dies ist hauptsächlich für Anleger interessant, die mit anderen Instrumenten, wie etwa mit Optionsscheinen, sehr schnelle Geschäfte mit Käufen und Verkäufen innerhalb eines Tages durchführen wollen, um schon von kleinen Preisbewegungen zu profitieren.

Aus: „Handbuch der Zertifikate“ von Sebastian Schmidt
Das Handbuch der Zertifikate wurde von der d&s consulting GmbH mit freundlicher Unterstützung von Vontobel, Scoach und finanztreff.de in den Jahren 2005 bis 2008 kostenfrei veröffentlicht.