Der Optionsscheinkurs – ein Zweikomponenten-Preis

Der Wert des Optionsrechts setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen. Zum einen gibt es einen substantiellen Wert, wenn man beispielsweise eine Aktie durch die Ausübung des Optionsrechts zum Basispreis günstiger als zum aktuellen Börsenkurs erwerben könnte. Und zum anderen muss der Optionsscheinkurs eine Bewertung der Chance enthalten, dass die Berechtigung zum Kauf (Call) oder Verkauf (Put) bis zum Ende der Laufzeit substantiell noch attraktiver wird.

Ein wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass sich Optionsscheinkurse NICHT wie Aktienkurse durch Angebot und Nachfrage an der Börse bilden. Die Preise werden stattdessen mit Hilfe von mathematischen Formeln von einem sogenannten Market Maker berechnet. Dieser Market Maker ist in aller Regel der Emittent selbst. Er kalkuliert fortlaufend die Kurse für seine angebotenen Warrants und stellt vor allem die Liquidität in den Scheinen sicher, indem er ständig einen Preis nennt, zu dem er zu kaufen bereit ist (Geldkurs), und parallel einen Preis angibt, zu dem er die jeweiligen Optionsscheine verkaufen würde (Briefkurs). Nur so kann überhaupt ein liquider Handel in Optionsscheinen gewährleistet werden. Denn es gibt derart viele einzelne Warrants, dass allein die Kauf- und Verkaufaufträge von anonymen Anlegern in allen Papieren zu ausreichender Liquidität führen könnten. Der Market Maker löst dieses Problem.

Die Grafiken zeigen den Preis eines Call- und eines Put-Optionsscheins jeweils in Abhängigkeit vom Kurs des Basiswertes. An der Unterscheidung der Komponenten innerer Wert und Zeitwert wird deutlich, dass der Zeitwert im Gesamtpreis des Scheins eine immer geringere Rolle spielt, je größer der innere Wert ist und je weiter Schein somit im Geld notiert.

Innerer Wert Call
Innerer Wert Put

Der innere Wert

Der innere Wert eines Call-Optionsscheins ist die Differenz zwischen dem aktuellen Kurs des Basiswertes und dem Basispreis. Er gibt ganz einfach an, um wieviel günstiger der Besitzer des Calls das Underlying im Vergleich zum Kauf über die Börse erwerben kann. Dieser substantielle Wert ist zu jedem Zeitpunkt eindeutig mit minimalem Rechenaufwand definierbar. Und es ist absolut logisch, dass ein Call-Optionsschein mit amerikanischem (jederzeit während der Laufzeit) Ausübungsrecht nicht billiger als sein innerer Wert sein kann.

Der innere Wert eines Put Optionsscheins errechnet sich umgekehrt aus der Differenz zwischen dem Basispreis und dem aktuellen Kurs des zugrundeliegenden Basiswertes. Er gibt an, wieviel mehr Geld der Verkäufer des Underlyings über die Ausnutzung des Optionsrechts erzielen kann, statt das Underlying über die Börse zu verkaufen.

Der innere Wert kann immer nur positiv sein oder den Wert 0 annehmen. Warum ist das so? Denn rein rechnerisch könnte die genannte Differenz doch negativ sein, wenn zum Beispiel bei einem Call der Basiswert unter dem Ausübungspreis notiert. Der innere Wert ist dann aber nicht negativ, sondern 0. Das ergibt sich aus dem einfachen Grund, dass der Besitzer des Optionsscheins ja nur das Recht, aber nicht die Pflicht besitzt, zu einem bestimmten Kurs zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Und ein solches Recht kann allenfalls wertlos sein, weil seine Ausübung nicht lohnt. Es kann aber niemals einen negativen Wert annehmen.

Bei der Betrachtung des inneren Wertes und ebenso bei den folgenden Kennzahlen müssen Sie natürlich auch immer das Bezugsverhältnis des Warrants berücksichtigen. Wenn sich zum Beispiel 10 Optionsscheine auf eine Einheit des Underlyings beziehen, dann muss der errechnete innere Wer zunächst einmal durch 10 dividiert und damit quasi normiert werden.

Formel innerer Wert
  • Innerer Wert Call = (Underlyingkurs – Basispreis) / Bezugsverhältnis
  • Innerer Wert Put = (Basispreis – Underlyingkurs) / Bezugsverhältnis
Beispiel innerer Wert
  • Call-Optionsschein
    Basispreis 100 EUR
    Bezugsverhältnis 10:1
    Underlyingkurs 120 EUR
    Innerer Wert = (120 EUR – 100 EUR) / 10 = 2 EUR
  • Put-Optionsschein
    Basispreis 100 EUR
    Bezugsverhältnis 10:1
    Underlyingkurs 90 EUR
    Innerer Wert = (100 EUR – 90 EUR) / 10 = 1 EUR

Zur Frage, ob ein Optionsschein aktuell einen inneren Wert besitzt, existiert eine spezielle Begrifflichkeit:

Im Geld

Man sagt, ein Optionsschein notiert „im Geld“ oder „in the money“, wenn er bereits einen inneren Wert besitzt. Der Basiswert notiert dann also beim Call über dem Basispreis und beim Put unter dem Ausübungspreis. Als Verfeinerung dieser Situation spricht man von Optionsscheinen „tief im Geld“ oder „deep in the money“, wenn der innere Wert bereits sehr groß ist.

Am Geld

Ein Optionsschein ist „am Geld“ oder „at the money“, wenn der Basispreis und der aktuelle Kurs des Underlyings einander entsprechen. Der innere Wert ist dann gerade 0.

Aus dem Geld

Und schließlich notieren Optionsscheine „aus dem Geld“ oder „out of the money“, wenn sie keinen inneren Wert besitzen. Der Basiswert notiert folglich beim Call über dem aktuellen Kurs des Underlyings und beim Put unter dem aktuellen Kurs des Basiswerts. Auch hier existiert eine Verfeinerung dahingehend, dass Optionsscheine „weit aus dem Geld“ oder „far out of the money“ liegen, wenn sie noch lange keinen inneren Wert besitzen.

Im Geld, am Geld oder aus dem Geld?

UnderlyingkursCallPut
...notiert über dem Basispreisim Geld bzw.
in the money
aus dem Geld bzw. out of the money
...notiert genau am Basispreisam Geld bzw. at the moneyam Geld bzw. at the money
...notiert unter dem Basispreisaus dem Geld bzw. out of the moneyim Geld in the money

Die Frage nach dem inneren Wert lässt sich neben der begrifflichen Fassung auch in einer Kennzahl, der sogenannten „Moneyness“ ausdrücken. Dazu wird beim Call-Optionsschein der aktuelle Kurs des Basiswerts durch den Ausübungspreis des Warrants dividiert. Die Moneyness eines Puts ergibt sich umgekehrt aus dem Verhältnis des Strikes zum derzeitigen Kurs des Underlyings.

Die Interpretation der Kennzahl ist eindeutig. Ist die Moneyness größer als 1, so notiert der Optionsschein im Geld. Der Wert von genau 1 deutet auf at-the-money-Warrants hin. Und schließlich liegt der jeweilige Optionsschein aus dem Geld, wenn die Moneyness kleiner als 1 ist.

Formel Moneyness
  • Moneyness Call = Underlyingkurs / Basispreis
  • Moneyness Put = Basispreis / Underlyingkurs
Beispiel Moneyness
  • Call-Optionsschein
    Basispreis 100 EUR
    Underlyingkurs 110 EUR
    Moneyness = 110 EUR / 100 EUR = 1,10
  • Put-Optionsschein
    Basispreis 90 EUR
    Underlyingkurs 120 EUR
    Moneyness = 90 EUR / 120 EUR = 0,75

Der Zeitwert

Der Zeitwert kann grundsätzlich als eine Art Spekulations- oder Chancen-Prämie bezeichnet werden. Hier wird nichts anderes getan, als die Chance in Geld zu bewerten, dass der Optionsschein bis zum Ende der Laufzeit einen (noch höheren) inneren Wert erreicht.

Auf Seite des Emittenten, der ständig faire Kurse zum Kauf und Verkauf seiner Warrants berechnen muss, ist die Kalkulation des korrekten Zeitwertes die eigentlich komplizierte Aufgabe. Denn der innere Wert wird ja einfach aus der Differenzbildung vorhandener Daten ermittelt. Die mathematische Formel (Black Scholes) zur Berechnung von fairen Optionsscheinpreisen – und damit speziell den Zeitwerten – wird in einem späteren Beitrag behandelt.

Zunächst einmal ist es aber ganz einfach, den Zeitwert zu ermitteln, wenn der Warrantkurs vorliegt. Nachdem der innere Wert berechnet ist, müssen dieser lediglich vom Gesamtpreis subtrahiert werden. Das Ergebnis ist der Zeitwert des Optionsscheins.

Grundsätzlich gilt:

  1. Der Zeitwert ist immer als positiver Kursbestandteil existent, solange der Optionsschein noch nicht seinen Verfalltag erreicht hat.
  2. Der Zeitwert besitzt die unangenehme Eigenschaft, dass er mit der verstreichenden Restlaufzeit nicht etwa linear abnimmt. Stattdessen sinkt er grundsätzlich zunehmend stark, je weiter sich der Warrant seinem Verfall nähert.
Formel Zeitwert

Für Call und Put gleichermaßen:
Zeitwert = Kurs des Optionsscheins – innerer Wert

Beispiel Zeitwert

Call-Optionsschein
Basispreis 100 EUR
Bezugsverhältnis 10:1
Underlyingkurs 110 EUR
akt. Warrantkurs 1,50 EUR
Innerer Wert = (110 EUR – 100 EUR) / 10 = 1,00 EUR
Zeitwert = 1,50 EUR – 1,00 EUR = 0,50 EUR

Zeitwertabnahme Optionsschein am Geld

Dass der Zeitwert mit der verstreichenden Restlaufzeit zunehmend stark abnimmt, wird bei am Geld notierenden Optionsscheinen am deutlichsten. Gegen Ende der Laufzeit sinkt der Zeitwert rasend schnell.

Zeitwertabnahme Optionsschein im Geld

Bei einem Schein mit innerem Wert (im Geld) sieht der Zeitwertverlust schon deutlich harmloser aus. Die Abnahme des Zeitwerts beschleunigt vergleichsweise langsam.

Zeitwertabnahme Optionsschein aus dem Geld

Der bezahlte Zeitwert eines out-of-the-money-Warrants (= Gesamtpreis dieses Scheins) sinkt mit der verstreichenden Laufzeit zunehmend schnell gegen 0. Aber auch hier ist die Beschleunigung nicht so stark wie beim am Geld-Warrant.